Baum des Jahres 2005 

Vorzeitiger Herbst bei der Roßkastanie 

Der beliebte Schattenspender wird durch ein Schadinsekt bedroht 

kastanie3 Ob bayrischer Biergarten oder prächtige Allee – ohne die Schatten spendenden Blätter der Rosskastanie wären sie im Hochsommer bei vielen Menschen nicht so beliebt. Fast das ganze Jahr hindurch begleiten die bis zu 25 Meter hohen Bäume mit ihren überhängenden Zweigen große und kleine Spaziergänger. Die Blüten der Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) hüllen Parkanlagen im Frühjahr in eine weiße Blütenpracht und Kinder sammeln im Herbst die leuchtend gelb und rot gefärbten, fünf- bis siebenfach gefingerten Blätter und die rostbraunen Samen der be- stachelten Früch- te auf, um mit ihnen zu spielen oder zu basteln. Da die Rosskastanie zu den bekanntesten und beliebtesten Baumarten überhaupt zählt, hat das Kuratorium Baum des Jahres sie zum Baum des Jahres 2005 gewählt.

Wer bei den Kastanienfrüchten an den süßlichen Geschmack von heißen gerösteten Maronen denkt, wie man sie auf Weihnachtsmärkten kaufen kann, der irrt sich gewaltig, da es sich hier um die Esskastanie handelt, die botanisch gesehen mit der Rosskastanie nicht näher verwandt ist. Für den menschlichen Verzehr sind Rosskastanien nämlich ungeeignet, auch wenn sie in Notzeiten gelegentlich zu Kaffeeersatz verar- beitet wurden! Dafür bieten Rosskastanien eine Reihe von interessanten Besonderheiten, die den Einfallsreichtum der Natur widerspiegeln.

Die weißen Blüten sind in aufrechten Blütenständen angeordnet, wobei bis zu 100 Einzelblüten vorkommen können, die darauf warten, dass sie von Bienen, Hummeln und anderen Insekten besucht werden. Damit diese wissen, wo bei den Tausenden von Blüten eines Baumes noch Nektar und Pollen zu holen sind, besitzt jede Blüte ein  Saft- mal, das so lange  gelb gefärbt ist, wie es für die Insektenbesucher den begehrten „Treibstoff“ gibt.

Die Blüten sind nur während dieser Zeit bestäubungsbereit.
Danach schaltet die „Nektarampel“ auf rot-violett um, sodass Blütenbesuch vergeblich sein muss. Aus den bestäubten Blüten gehen dann die Früchte hervor, allerdings nur im unteren Drittel der „Blütenkerzen“. Dies ist für die Statik der späteren Fruchtachsen offenbar von Vorteil und stellt ein gutes Beispiel für den hohen Optimierungsgrad in der Natur dar.
Die Rosskastanie stammt ursprünglich aus Südosteuropa, von wo sie im 16. Jahrhundert über Prag und Wien nach Mitteleuropa gelangte. Ihr deutscher Name leitet sich von der damals weit verbreiteten Meinung ab, ihre Früchte als
Pferdemedizin verwenden zu können. Tatsächlich konnte man in Kastanien chemische Verbindungen identifizieren, die abschwellende Wirkung haben, sodass sie auch in Kosmetika oder Medikamenten enthalten sind. Auch Rinde, Blätter und Blüten werden zu diesen Zwecken verwendet. Ihr hoher Stärkegehalt macht die Kastanienfrüchte auch zu einem idealen Wildfutter, sodass die Früchte im Winter in großen Mengen in Wäldern oder Wildparks verfüttert werden.

Neben der
weißblühenden Rosskastanie wurde in den vergangenen Jahren auch rotblühende Bäume gepflanzt, die aus einer Kreuzung der Rosskastanie mit einer nordamerikanischen Verwandten hervorgegangen sind. Die Früchte dieser Art sind weniger bestachelt. Während die Entscheidung, weiße oder rote Kastanien zu pflanzen, lange Zeit eine Frage des ästhetischen Empfindens war, haben die rotblühenden Bäume inzwischen einen deutlichen Vorteil:
Sie werden nicht von der
Rosskastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella) befallen, einem Schadinsekt, das der Rosskastanie aus ihrer Heimat nach Mitteleuropa gefolgt ist. Erstmals 1984 in Mazedonien bemerkt, fraßen sich diese Schädlinge 1993 erstmals in Deutschland in der Nähe von Passau satt und befallen heute Kastanienbestände in ganz Deutschland. Die Raupen der nur wenige Millimeter großen Falterart fressen im Blattinnern das Blattgewebe, das dann abstirbt und bei befallenen Bäumen einen „vorzeitigen Herbst“ hervorruft: bereits im Sommer sind die Blätter von braunen Stellen überzogen, sodass sie vorzeitig abgeworfen werden.

Da bislang keine Mittel zur Verfügung stehen, um einem Befall vorzubeugen, ist die
bisher wirkungsvollste Bekämpfungsmaßnahme das regelmäßige Entfernen und Entsorgen des Falllaubes. Dies ist erforderlich, weil darin die Puppen überwintern und von den am Boden liegenden Blattresten der erneute Befall im Frühjahr erfolgt.

Viele Kastanienbäume sind Jahrzehnte alt. Ob und inwieweit wertvolle Baumbestände durch die Miniermotte dauerhaft geschädigt werden, wird deshalb erst die Zukunft zeigen.

(c) Text: Die Wissensbrücke - Autor: Daniel C. Dreesmann  
(c) Bild: Kuratorium Baum des Jahres