Vogel des Jahres 2004
Der Zaunkönig (Troglodytes troglodytes)
Der Kleine mit
der großen Stimme
Man muss kein ausgewiesener Vogelexperte sein, um den „Vogel des Jahres
2004“ auf Anhieb zu erkennen: der aufgestellte Schwanz verleiht diesem rotbraun
gefiederten Winzling unter den einheimischen Vogelarten sein charakteristisches
Aussehen. Alles andere als winzig ist hingegen sein Gesang. Messungen ergaben
Werte von 90 Dezibel. Sie liegen über dem Lärm, den ein haushaltsüblicher
Staubsauger verursacht. Kein Wunder also, dass sich der trillernd-flötende
Reviergesang der Zaunkönigmännchen oder die warnenden Tick-Laute
auch über Entfernungen von 500 Metern wahrnehmen lassen.
Bei so viel Besonderheiten ist es kein Wunder, dass der Zaunkönig
reichlich Stoff für Legenden bietet. Nicht nur, dass er im Wettstreit
um die größte Flughöhe selbst den mächtigen Adler besiegte
– weil er sich in dessen Gefieder verbarg und sich dadurch den mühsamen
Höhenflug ersparte – und sich deshalb vor seinem Zorn im Unterholz von
Bäumen und Sträuchern verstecken muss. Nach einer Überlieferung
aus dem Vorarlberg kam er jedoch zu seinem Königstitel auf ehrliche Weise:
Da er sein Nest in der Krippe in Bethlehem gebaut hatte, konnte er das Jesuskind
von einer lästigen Spinne und deren Netzen befreien und erhielt zum
Dank den Königstitel.
Der nur 10 cm große Zaunkönig sucht seine Nahrung tatsächlich
vor allem in Bodennähe, wo er im Unterholz nach Motten, Fliegen und
deren Eiern und Larven sucht. Aber auch Spinnen und Weberknechte zählen
zu seiner Nahrung. Sein spitzer Insektenfresserschnabel erlaubt ihm, selbst
in engen Spalten und Ritzen nach der begehrten Beute zu suchen. Dieses Bodenleben
führte auch zu regionalen Bezeichnungen wie „Mäusekönig“ oder
„Zaunschlüpfer“.
In Bodennähe spielt sich auch das Brutgeschäft ab. In ihrem
Revier bauen die Männchen in alten Wurzelstöcken, den Wurzeltellern
umgestürzter Bäume, an Böschungen oder in Reisighaufen oder
Holzstößen gleich mehrere kugelförmige „Backofennester“,
die sie mit Moos, Federn und anderem Material weich auspolstern. Denn beim
Zaunkönig herrscht „Damenwahl“: Je mehr Nester ein Männchen baut
– so haben Ornithologen herausgefunden – desto größer ist die
Bereitschaft eines Zaunkönigweibchens, dem Locken des Männchens
nachzugeben, in eines der Nester hineinzuschlüpfen und sich nach dieser
„Wohnungsbesichtigung“ dann mit dessen Erbauer zu paaren.
Von Treue, wie sie bei anderen Vogelarten groß geschrieben wird,
kann beim Zaunkönig keine Rede sein. Nicht nur, dass sich die Zaunkönigväter
nicht am Brüten und der Jungenaufzucht beteiligen; häufig
paaren sich die Männchen mit einer Reihe von Weibchen, die ab Mai zeitlich
versetzt die übrigen Wahlnester beziehen und bis zu acht ca. 1
cm große und nur 1,5 g schwereweiße Eier legen. Bereits nach
zwei Wochen schlüpfen die Jungen, die 10 bis 12 Tage später schon
das Nest verlassen können, um dann noch einige Zeit als Familientrupp
umher zu ziehen.
Auch wenn der Zaunkönig in seinem aktuellen Bestand nicht gefährdet
ist, wurde er vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) als ein typischer Vogel
des menschlichen Siedlungsraums zum „Vogel des Jahres 2004“ gewählt.
Er soll als Sympathieträger im Rahmen der NABU-Kampagne „Nachbar Natur“
für ein Mehr an Wildnis in Städten werben und deutlich machen,
dass die Umwandlung naturnaher Lebensräume in sterile, pflegeleichte
„Natur“ für die einheimische Tierwelt zum Problem wird. Denn wo schützendes
Unterholz und Laubschichten fehlen, wo Holzstapel, Reisighaufen oder Hecken
unachtsam entfernt werden, geht es auch dem Zaunkönig schlecht!
Text: Daniel C. Dreesmann
(c) Die Wissensbrücke 2004